Gedenken im Rabštejner Tal
Schülerinnen und Schüler aus dem Goethe – Gymnasium Sebnitz, dem Gymnasium Česká Kamenice und dem English College Prague tauschten vergangene Woche ihre Geschichtsbücher gegen echte Begegnungen mit der Geschichte der Region Nordböhmen.

Drei Tage lang waren sie gemeinsam unterwegs: besuchten das Rabštejner Tal, erkundeten die Ausstellung „Unsere Deutschen“ im Regionalmuseum Ústí nad Labem, diskutierten miteinander und vor allem: hörten Menschen zu. Denn wie fühlt es sich an, wenn Geschichten über Krieg, Flucht, Verlust und Neubeginn nicht in einem Lehrbuch stehen, sondern von einem Menschen erzählt werden, der sie selbst erlebt hat?
Rabštejn – ein Ort als Zeitzeuge
Im Rahmen des dreijährigen Projektes „Gemeinsame Geschichte – gemeinsame Zukunft: deutsch-tschechische Jugend im Dialog“ setzen sich deutsche und tschechische Jugendlichen gemeinsam mit der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte der deutsch-tschechischen Grenzregion sowie der Zukunft in der Euroregion auseinander.
Ein wichtiger Baustein ist dabei das Rabštejner Tal. Dieser Ort ist Zeuge der grausamen Verbrechen des Nazi-Regimes. Während des Zweiten Weltkriegs wurden dort unterirdische Anlagen für die Rüstungsproduktion genutzt. Als ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg musste Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter diese Anlagen unter unmenschlichen Bedingungen graben.
Auch die Geschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehört zur Geschichte dieser Region. Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung veränderten die Gesellschaft auf beiden Seiten der Grenze nachhaltig.
Menschen, die Zeugen der Geschichte sind
Neben dem bewegenden Besuch in der unterirdischen Fabrik, hatten die Jugendlichen die Möglichkeit mit Menschen zu sprechen, die selbst Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind oder ihre Familiengeschichte erzählten. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich Erinnerungen sein können – und wie wichtig es gleichzeitig ist, miteinander darüber zu sprechen.
Die Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur eine Abfolge von Ereignissen ist, sondern das Leben von Menschen verändert, war eine von vielen, die die Jugendlichen aus den Gesprächen mitnahmen.
Ein gemeinsamer Gedenkakt im Rabštejner Tal bildete einen würdigen Abschluss.
Zuhören, verstehen, Verantwortung übernehmen
„Die Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind von unschätzbarem Wert. Sie machen Geschichte lebendig – und geben der jungen Generation Verantwortung mit auf den Weg“, sagt Markéta Knoppik, Referentin bei der Aktion Zivilcourage e. V.
Die Jugendlichen nehmen aus den Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht nur Wissen mit, sondern die Bereitschaft, Vorurteile zu hinterfragen, zuzuhören und sich für ein friedliches Miteinander in der Euroregion einzusetzen. Genau daraus entsteht aus „gemeinsamer Geschichte“ „gemeinsame Zukunft“: aus dem Mut, über schwierige Geschichte zu sprechen – und aus dem Willen, sie nicht zu wiederholen.
Die Begegnung im Rabštejner Tal hat gezeigt: Erinnerung ist kein Rückblick um seiner selbst willen, sondern eine Einladung, heute verantwortungsvoll zu handeln.



